Panorama-Installation „Fernweh” August 2011 (Galerie M in Potsdam)

Karsten Kelsch (Malerei) und Gregor Krampitz (Objekte)

Fernweh “Schiffe” · 2011 · Acryl auf Papierbahnen, gerissen, gekratzt · 300 x 500 cm ·
Drei Schiffsobjekte (Sperrholz, Glasfasermatten, Polyesterharz, Lackfarbe, ca. 120 x 80 x 50 cm)

Fernweh “Flieger” · 2011 · Acryl auf Papierbahnen, gerissen, gekratzt · 300 x 290 cm ·
Sieben Flugobjekte (Papier, Pappe, ca. 100 x 100 x 30 cm)

Installation „Fernweh” August 2011

Fernweh
Ferne Länder und fremde Kulturen kennenlernen wollen, sich fortbewegen, andernorts anzukommen, sich in andere Welten zu träumen, sind Möglichkeiten, die uns schon immer bewegt haben. Als Kinder spielten wir mit kleinen selbst gefalteten Schiffen und liessen Papierflieger im Klassenzimmer kreisen; verbunden mit der Hoffnung, ferne Orte der Sehnsucht anzusteuern.

So kann es eine Reise durch den Senegal sein, von den Ausläufern der Sahara ins Mangroven-Delta an der Atlantikküste.

ODER

Im Himalaya, vom Kali Gandaki Tal der Annapurna in die tropische Ebene des östlichen Teria.

ODER

Unterwegs in den Appalachen in Tennessee, mit einer anschließenden Fahrt durch das Mississippi-Delta bei New Orleans.

ODER

Nur wenige Kilometer von uns entfernt, die Tagebaulandschaften der Lausitz und mit dem Kanu in den Spreewald.

ODER ...

Zum vergrössern und für detailliertere Informationen, klicken Sie bitte auf die Bilder.

Meinungen / Presse

Ausstellung „Fernweh“ Galerie „M“ Märkische Allgemeine - 13.08.2011

Märkische Allgemeine 13.8.2011

Schiffchen und Papierflieger Ausstellung Fernweh mit Karsten Kelsch und Gregor Krampitz in der Galerie „M“

INNENSTADT Leicht ist die künstlerische Kost, die in der Sommerausstellung der Produzentengalerie „M“ des Künstlerverbandes am Luisenforum geboten wird. Eine Installation von Karsten Kelsch und Gregor Krampitz fordert auf zu einer sommerlichen Reise in die fern-nahe Welt der Kunst mit ihren assoziativen Angeboten.

Gegenständliches und Ungegenständliches hat sich gefunden. Auf weißen, raumhohen Papierbahnen entfalten sich zwei schwarz-weiße Pinselarbeiten, die aus Absicht und Zufall in der Flächenfüllung ihre Wirkung beziehen. Das eine, vor allem aus vertikal gesetzten Strukturen und Flächen geschaffene Blatt lässt die Vorstellung eines Wasserfalles entstehen, ergänzt durch drei davor, leicht erhöht gesetzte, stark vergrößerte Papierschiffchen aus starkem Karton. Die mehr aus horizontal angelegten schwarzen Linien und Flächen auf einem zweiten, doppelbahnigen Blatt meinen unverkennbar ein Bergpanorama. Der Blick darauf wird immer wieder unterbrochen durch davor kreuz und quer dahinschwebende, überdimensionierte Papierflieger, wie sie in Originalgrösse mal schnell aus einer herausgerissenen Schulheftseite gefaltet werden. Fernweh begrenzt sich hier nicht nur auf Landschaften, sondern auf die Welten der Kindheit mit der Begeisterung des Spielens. Doch die ins Überdimensionale gesteigerten Flugobjekte lassen nicht nur friedliche Erinnerungen aufkommen – abgesehen davon, dass ihre Flugrouten nichts Gutes verheißen.

Die beiden großen Grafiken sind der künstlerische Extrakt dieser Ausstellung. Es sind Arbeiten von Karsten Kelsch, geboren 1962 in Hoyerswerda, als dort ringsum der Braunkohlentagebau die Lausitzer Heidelandschaft unter den Baggern verschwinden ließ und Plattenbauten das kleine, verschlafene Städtchen umzingelten. Verständlich, dass Kelsch seine Berufsausbildung im Bergbau absolvierte. Erst als 35-Jähriger begann er ein Malereistudium, ergänzt durch eine Ausbildung in Druckgrafik und Multimedia-Design. Gregor Krampitz, geboren 1966 in Parchim und Schöpfer der Flieger und Schiffchen, hat sich seine Sporen als Fotograf verdient, ausgebildet kurz vor der Wende im Berliner Verlag. Auch er begann Anfang der 1990er Jahre noch ein Kunststudium. (aneu)

Ausstellung „Fernweh“ Galerie „M“ (Potsdamer Neueste Nachrichten - 28.07.2011)

Mit Papierboten in den Appalachen

von Richard Rabensaat

Und im Hintergrund fließt ein Wasserfall. Die Papierboote von Gregor Krampitz vor der vagen Landschaftsmalerei von Karsten Kelsch. Foto: Manfred Thomas

Karsten Kelsch und Gregor Krampitz zeigen eine Panorama-Installation in der Produzentengalerie M

Auf dem Boden der Produzentengalerie des Brandenburgischen Verbandes Bildender Künstler (BVBK) schwimmt eine Mini-Armada aus drei großen Papierbooten. Unter der Decke hängt ein Geschwader von Flugzeugen, ebenfalls aus Papier gefaltet. Im Hintergrund, locker mit schwarzer Farbe auf weißem Untergrund gemalt, rauscht ein Wasserfall in die Tiefe, auf der anderen Seite erhebt sich ein hügeliges Bergpanorama. „Fernweh“, so der Ausstellungstitel, macht sich breit.

Die Neugier auf andere Horizonte und Perspektiven beschäftigt die Kunst bereits seit Jahrhunderten. Schon Caspar David Friedrichs „Wanderer“ zog es in die nebelverhangene Ferne. „Unterwegs in den Appalachen in Tennessee, mit einer anschließenden Fahrt durch das Mississippi-Delta bei New Orleans“ könnten die Künstler gemäß dem Ausstellungstext gewesen sein, oder im Himalaya, oder in den Tagebaulandschaften der Lausitz, oder mit dem Kanu im Spreewald. Im Sommer, in den Ferien, locken ferne Länder und der Wunsch, neue Lebenswelten zu entdecken. Das endet zwar im real existierenden Urlaubstourismus regelmäßig in einer Bettenburg an der restlos zubetonierten, kahlgebrannten, mediterranen Felsküste. Der leise Verdacht, dass da noch etwas anderes jenseits der katalogisierten Tourismusindustrie sein könnte, aber bleibt.

Die Faltobjekte von Gregor Krampitz sind eine Neuerung im Werk des 1966 bei Parchim geborenen Künstlers, der zumeist Fotoarbeiten auf Stahlplatten fertigt. Ihn interessiere das Zusammentreffen von einem Foto, das ja einen Moment für die Ewigkeit festhalten solle, und der Vergänglichkeit des Stahls, der zwar stabil, letztlich aber doch einer ständigen Erosion ausgesetzt sei, erklärt der Künstler. Die Objekte in der Galerie sind zwar aus einem festen Papier gefertigt, aber sicher ebenfalls vergänglich. Als Teilnehmer der „Aquamediale“ lässt Krampitz derzeit eine Flotte von schematisierten, kleinen Häuschen durch die Wasserlandschaft bei Lübben schwimmen. Es sind Zeichen, vielleicht für eine Realität, in der sich viele gewohnte Lebenswelten und Verhaltensmuster ebenfalls auf ein Zeichen reduzieren und ins Schwimmen geraten. Ihre Qualität besteht darin, dem Betrachter einen Spielraum für die Ausdeutung des Bezeichneten zu eröffnen. Heim und Familie, Fernweh, was bedeutet das heute?

Auch die Papierflieger an der Decke der Galerie sind nicht eindeutig festgelegt. Zunächst einmal erscheinen sie als unschuldige Reminiszenzen an die Kindheit, an den Papierflieger, der die Lehrerin im Rücken traf, während sie an der Tafel biologische Formeln erklärte. Allerdings ähneln die Modelle auch den Düsenjägern, mit denen derzeit Soldaten über Afghanistan rauschen und dort ihre tödliche Fracht abwerfen. Das Bergpanorama, vor dem die gefalteten Objekte schweben, könnte ebenso gut ein Urstromtal wie eine Landschaft Afghanistans sein, schließlich ist das Land durch seine großen Bergmassive geprägt. Das vermeintlich unschuldige Thema des Fernwehs bekommt so einen bitteren Beigeschmack.

Der Vieldeutigkeit der Inszenierung entsprechen die Papierbilder von Karsten Kelsch. Locker, mit schwarzem Strich auf große Bahnen mehr gezeichnet als gemalt, lassen sie zwar das gemeinte Motiv erkennen, bleiben aber so weit im Vagen, dass kein illusionistisches Panorama entsteht. Keine bestimmte Bergregion ist gemeint, sondern eine Chiffre für die Bergregion, die vielleicht durch Träume und Erinnerungen spukt.

Der lockere Strich der großen Blätter entspricht dem generell freien Duktus, den Kelsch auch bei seinen Drucken, die sich häufig dem Thema des menschlichen, und daher wie üblich in Malerkreisen dem weiblichen Akt widmen. Die gefalteten Schiffe zusammen mit den frei gehaltenen Landschaftsmalereien ergeben eine hübsche, gut in den Raum gesetzte Installation. Der Betrachter kann seine Gedanken zum Thema frei schweifen lassen. Das ersetzt zwar keine Fernreise, ermöglicht aber immerhin einen kurzen Gedankenflug.

Noch bis zum 21. August in der Produzentengalerie M des BVBK im Luisenforum (Hermann-Elflein-Straße 18), mittwochs bis freitags 11-17 Uhr, samstags und sonntags 11-18 Uhr

Erschienen am 28.07.2011 auf Seite 26